Viele
Künstler haben in offenen Briefen oder in Interviews gegen Polanskis Prozess lautstark
protestiert, nicht weil sie in dem Verfahren rechtliche Unregelmäßigkeiten
erkannt hätten, nein, sondern weil die Justiz und die Öffentlichkeit sich
erlaubt hatten, einen prominenten Filmemacher zur Rechenschaft zu ziehen. Einige
deutschsprachige Autoren gingen in der (indirekten) Verteidigung von Roman Polanski
und der Verhamlosung seiner Straftat sogar so weit, dass sie behaupteten, der
sexuelle Verkehr zwischen Künstlern und minderjährigen „Knaben“ und Mädchen sei
nichts Besonderes und schon immer weit verbreitet gewesen.
Derselben
Problematik begegnen wir im Fall Christian Kracht. Georg Diez hat in einem
Artikel im Spiegel Krachts neuerschienen Roman „Imperium“ analysiert und
versucht, Krachts rechtsextremen Einstellungen, welche in seinem Roman
widerspiegelt werden, anhand des Briefwechsels zwischen dem Autor und David
Woodard zu belegen. Die Briefe, auf die sich Diez beruft, sind dem Buch „Five
Years: Briefwechsel 2004-2009“ entnommen. Und wieder sind wir mit einer
aufgebrachten Kunstszene konfrontiert, die nicht zulassen will, dass auch
Schriftsteller wegen ihrer politisch unkorrekten Einstellungen zur
Verantwortung gezogen werden.
Aus Protest
wird ein offener Brief von 17 Schriftstellern an den Spiegel veröffentlicht, in
dem Diez der Denunziation bezichtigt wird. Einer der Unterzeichner, Feridun Zaimoglu,
gibt in seinem Interview mit dem Börsenblatt zu, er habe Krachts Roman nicht
gelesen und erklärt, trotzdem fände er Diez' Kritik „widerlich“ und
„unanständig“. Es scheint, als habe er auch Diez' Artikel nicht (genau genug)
gelesen, da er behauptet, Diez selbst habe geschrieben, die „zwielichtigen“
Einstellungen Krachts ließen sich aus dem Roman nicht ableiten. Und das, obwohl
Diez nicht wenige Ausschnitte aus dem Buch zitiert, um zu zeigen, dass Krachts
rechtsextreme Weltsicht auch in „Imperium“ zum Ausdruck kommt.
Die
Behauptung, ein Roman widerspiegele nicht immer die Weltsicht des Autors ist
falsch und irreführend. Es ist oft nicht einfach, aber trotzdem möglich,
zwischen dem Autor, seinen Romanfiguren und dem Erzähler zu unterscheiden. Viele
Kritiker, die sich zu Diez' Artikel geäußert haben, finden seine „Methode“ inkorrekt,
Krachts Roman mit den von dem Schriftsteller selbst veröffentlichten Briefen in
Verbindung zu bringen. Diese Methode ist
vielleicht in Kritiken zu Werken noch lebender Schriftsteller ein Tabu, aber in
den renommierten Kritiken zu Werken verstorbener Autoren sehr üblich. Der
Versuch, anhand der Äußerungen und Einstellungen des Autors, der Ereignisse in
seinem Leben und sogar seines psychischen Zustands zu der Zeit des Schöpfens sein
Werk zu analysieren, ist nichts Neues.
Sowie der Literatur
keine von allen Seiten akzeptierten Grenzen gesetzt sind, kann auch die
Literaturkritik nicht auf bestimmte Formen beschränkt werden. Es kommt nicht
selten vor, dass ein Roman auf bestimmte inhaltliche Aspekte untersucht wird-
wie z.B. Frauenfeindlichkeit in Werken von X. Diez hat auch nichts anderes getan,
als Krachts Roman unter dem Aspekt Rechtsextremismus zu untersuchen und seine
Interpretationen auf Krachts Äußerungen zu stützen.
Liegt Diez
mit seiner Behauptung, „Imperium“ zeuge von Krachts rassistischem, „antimodernem,
demokratiefeindlichem, totalitärem Denken“, falsch? Gleich am Anfang des Romans
wird dem Leser bewusst, dass der Erzähler, von dem sich Kracht in keiner Weise
distanziert, der „Rassenzugehörigkeit“ und den physikalischen Merkmalen wie der
Farbe der Haut, Haare, Zähne und Zahnfleisch eine, man könnte fast sagen,
krankhafte Beachtung schenkt. Er benutzt bedenkenlos Ausdrücke wie Kanaken,
Wilde und Neger und macht sich über das Aussehen mancher Fremden lustig. An
einigen Stellen erinnert seine Sprache an die Rassenhygiene: „Engelhardt sah in
das knochenweiße Gebiß, welches in einem kerngesunden, rosaroten Zahnfleisch
steckte, und erschauerte innerlich vor Wohligkeit“.
Auf den
ersten Seiten des Romans macht Kracht den Leser darauf aufmerksam, dass es
zwischen seiner Hauptfigur, August Engelhardt, und einem „späteren deutschen
Romantiker und Vegetarier, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben
wäre“, nämlich Hitler, durchaus beabsichtigte Parallelen gibt. Nach diesem
direkten Engelhardt-Hitler-Vergleich, scheint die sofort folgende Passage über
die „Eliminierung“ von Nahrungsmitteln durch Engelhardt und die
Weiterverarbeitung von verschiedenen Kokosnussteilen zu Fett, Öl, Löffeln,
Knöpfen, Matten und schließlich das Verbrennen der Schale als ein böses Spiel mit den Symbolen einer
bösen Zeit.
Die
Deutschen erscheinen in „Imperium“ allen anderen Nationen und Völkern
überlegen. Allen anderen Europäern begegnen wir in dem Roman fast nur in
betrunkenem Zustand und Aggressionen ausübend. Sie sind kampf- und kriegslustig
und ihre Staaten stellen eine Bedrohung für Deutschland dar. Die Deutschen
erscheinen in dem Buch als das zivilisierteste und menschenfreundlichste Volk
überhaupt: „Gewiß, allzuviel wäre ihm bei seiner Entdeckung nicht passiert,
schließlich war es ein deutsches Schiff, aber es kam in jenen Zeiten vor, daß
die Bootsbesatzungen anderer Nationen nicht besonders zimperlich mit blinden
Passagieren umgingen – sowohl Franzosen, Russen als auch Japaner warfen die
Unglücklichen kurzerhand über Bord“.
Die
Hauptfigur lehnt es anfangs strikt ab, „über Menschen aufgrund ihrer Rasse zu
urteilen“. Dafür gibt es auch gute Gründe. Wie in dem Buch verdeutlicht wird,
können auch, um bei Krachts Betrachtungsweise zu bleiben, unter höheren Rassen
minderwertige Kreaturen wie der deutsche, schwule Vergewaltiger, Heinrich
Aueckens, zu finden sein, genauso wie unter niederen Rassen treue Diener und
fleißige Arbeiter zu finden sind. Dass der einzige Schwule in dem Roman, sich
als ein Vergewaltiger herausstellt, zeugt von Krachts Abneigung Homosexuellen
gegenüber.
Engelhardt scheitert
am Ende - wie Hitler. Nicht weil er im Unrecht ist, sondern weil er weltfremd
ist und nicht mit der Zeit gehen kann. Die Amerikaner gehen als Sieger hervor
und bauen ihr „Imperium“ und ihre Weltherrschaft aus. Deutschland kann „seinen
rechtmäßigen Ehren- und Vorsitzplatz an der Weltentischrunde“ nicht einnehmen. Obwohl
die USA und Nazi-Deutschland sich als Feinde gegenüberstanden, gibt es keinen
goßen Unterschied zwischen ihnen, denn „es zerfleischt sich bekanntlich niemand
so ausführlich wie Menschen, deren Ideen ähnlich sind“. Der einzige Unterschied
zwischen ihnen ist, dass nach dem 2. Weltkrieg die USA als Sieger und Deutschland
als Besiegter dastanden. Und die Sieger sind es, die die Geschichtsschreibung
formen. Das ist die Hauptbotschaft von „Imperium“.
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